„Nu sünd se weg, de beden Köpp.“
Terrakotta in Broock | Das Hauptportal

von | 04. Dezember 2023 | Blog, Historie

„De beden Köpp“ von Schloss Broock, Detailaufnahmen, 1980. (Kunkel, Pensin)

„Nu sünd se weg, de beden Köpp. Dat weer de Herr Baron un sien Fro.“ Bemerkte eines Morgens der alte Pommer, der sein ganzes Leben auf dem Broocker Gutshof verbracht hat – zuerst als Kind von Gutsarbeitern unter „Hans Baron“, dem letzten Seckendorff auf Broock, später dann, im Erwachsenenalter nach der Bodenreform, als Kleinbauer in einem zum Bauernhaus umgebauten alten Gutsstall. Die nüchterne Feststellung „Nu sünd se weg“ traf zu – die sympathische Deutung der beiden Portraitmedaillons als „Herr Baron und seine Frau“ allerdings nicht. 

Tatsächlich handelt es sich um Darstellungen römischer Götter: Minerva, die „Göttin des taktischen Verteidigungskriegs“ und Mars, der „Kriegsgott“. Der „kriegerische“ Bezug irritiert, da Hans Freiherr von Seckendorff, der Auftraggeber und Bauherr, kein Mann des Militärs war und zur Entstehungszeit auch kein Krieg herrschte, auf den man sich hätte beziehen können. Folglich muss Minerva hier wohl in ihrer Funktion als „Göttin der Weisheit und Hüterin des Wissens“ gelten und Mars als „Agrargottheit“, zuständig für das Gedeihen der Vegetation. 

 Mitglieder der Gutsherren-Familie von Seckendorff vor dem Hauptportal von Schloss Broock, Bildausschnitt, 1904.
(Neues Gutsarchiv Schloss Broock)

Die beiden Portraitmedaillons zierten das neue Eingangsportal, das während des großen Umbaus von 1841-43 durch den berühmten preußischen Architekten Friedrich August Stüler (1800-1865) dem hofseitigen Mittelrisalit vorgesetzt wurde. Es handelt sich hierbei um kunstvolle Erzeugnisse aus Terrakotta, die in Broock vielfach als Gestaltungsmittel eingesetzt wurden. Der Zierfries am offenen Rundbogenportal des Vorbaus und die Portalfassung der Eingangstür bestehen aus dem gleichen Material.  Vor allem die Architekten-Legende Karl Friedrich Schinkel (1781-1841), der Lehrer Stülers, setzte Bauschmuck aus Terrakotta im großen Stil ein und machte das solide, natürliche Material im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts populär – man denke nur an die ehemalige, leider nicht mehr existierende Schinkelsche Bauakademie gegenüber des Berliner Schlosses oder an die benachbarte Friedrichwerdersche Kirche. In Berlin entstanden durch den hohen Bedarf an solchem Bauschmuck hochqualifizierte Töpferwerkstätten, allen voran die „Tonwarenfabrik“ von Tobias Christian Feilner (1773-1839), die bis 1870 hochwertige Bauterrakotten, Skulpturenschmuck, Formsteine und die berühmten Feilnerschen Kachelöfen produzierte. Auch die in Broock verbauten Terrakotten und Formsteine entstammen dieser Produktionsstätte, genau wie einige der leider ebenfalls verschwundenen Öfen in den Salons des Schlosses. 

Der Schmuckfries am Portalbogen wurde von Stüler auch an anderen Herrenhäusern als Gestaltungsmittel eingesetzt, so z.B. am Mittelrisalit von Schloss Arendsee in der Uckermark oder am Eingang zum Jagdschloss Ramstedt in Sachsen-Anhalt. Laut aktueller Forschung tauchen die Medaillonbüsten erstmals in Broock auf – wurden von Stüler vielleicht extra für Broock entworfen. 1850-51, also knapp zehn Jahre später, als man in Potsdam das große Triumphtor am Winzerberg nach Entwürfen von Stüler und Ludwig Ferdinand Hesse (1795-1876) errichtete und vollständig mit Terrakottareliefs und Formsteinen verkleidete, finden wir auch den „Herrn Baron un sien Fro“, bzw. unsere beiden griechischen Gottheiten als Bestandteil der aufwändigen Gestaltung. 

Schloss und Hauptportal mit der 1965 neu verputzten Fassade. Fugenputz und Zierprofile wurden nicht wieder hergestellt, ca. 1966.
(Neues Gutsarchiv Schloss Broock)

Bis zum Kriegsende 1945 war der Bauschmuck am Eingangsportal intakt. Kurze Zeit später fehlten bereits zahlreiche Terrakotten des Zierfrieses, bis schließlich nur noch der Rundbogen übrigblieb. Etwa 1982/83, somit genau 140 Jahre nach ihrem Einbau, waren dann plötzlich auch die „beden Köpp“ über Nacht verschwunden – wie so vieles, nach dem 1974 erfolgten Leerzug des Schlosses. Heute markieren nur noch kreisrunde Vertiefungen die einstigen Positionen der unersetzlichen Kunstwerke. Aber wer weiß…?! So manche „Fundstücke“ haben mittlerweile ihren Weg zurück nach Broock gefunden. Vielleicht kommen eines Tages auch „unsere Götter“ wieder nach Hause.

Schon wenige Jahre nach dem Leerzug war das Schloss in einem desolaten Zustand. Links eine Aufnahme von 1981, rechts von 1983.
(Kunkel, Pensin)
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